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Verfasst am 16.09.2010 17:38:28 Uhr
Deutsche Grammatik: der Konjunktiv - Teil 1

Soeben lese ich 66 unwitzige Lektionen über den Konjunktiv und hoffe, ich möge das Buch "Wolf Schneider, Gewönne doch der Konjunktiv!, rororo-Verlag" wenigstens innerhalb eines Jahres durchgelesen haben. Nach Freund Helmuts Auskunft sei es gerade in Gießen am regnen. Soll ich ihm glauben? Es ist so ein Kreuz mit der Anwendung der Zeitformen im Allgemeinen und des Konjunktivs im Besonderen, weil man umgangssprachlich oftmals den Indikativ verwendet. Ich will mich davon nicht ausschließen.

So lese ich bei türkischen Zeitformen von Verben etwas über Berichtsform, Möglichkeitsform, Wunschform, Erzählform, Wirklichkeitsform u.v.a. mehr, aber nichts über Indikativ und Konjunktiv. Dies macht es gerade beim Übersetzen besonders schwer, falls noch in Lehrbüchern die türkische miş-Vergangenheit pauschal dem deutschen Indikativ Perfekt gleichgesetzt wird und dabei angemerkt wird, dass die miş-Form eine zweifelhafte, Nichtaugenzeugenberichts-(Märchen-)Erzählform sei. Dabei kann es sich doch eigentlich nur um einen Konjunktiv handeln? Das Problem offenbart sich z.B. beim deutschen Hilfsverb "haben": "ich habe gesagt" ist sowohl Indikativ als auch Konjunktiv Perfekt. Wie soll man das (als Nichtdeutschmuttersprachler) unterscheiden (lernen)? - Nun, die Duden-Schulgrammatik zeigt deutsche Ersatzformen und mögliche Ursachen für die problematische Übersetzung zwischen Deutsch und Türkisch: nach den dort (Lit.4», S.22) gezeigten Beispielen liegt die Ursache in der Deutschen Sprache.

Also, ich habe mich mal mit Lehrbuchliteratur eingedeckt und es wird etwas brauchen, bis ich alle Lehrbeispiele daraus verdaut habe. Für den jetzigen Start ist mir eine einfache Lehrmeinung zur Verwendung von Imperfekt und Perfekt aufgefallen (Lit.1», Tafel 9):
  • Imperfekt/Präteritum: es werde hauptsächlich bei der schriftlichen Erzählform angewendet
  • Perfekt: hauptsächlich
    • werde es bei der mündlichen Erzählform angewendet
    • sei dies im süddeutschen Raum die normale Zeitform der Vergangenheit.
    • werde auch stellvertretend für das Futur 2 verwendet. Ich staune!!!
Weitere Lehrmeinungen zur unterschiedlichen Verwendung von Indikativ und Konjunktiv im Deutschen einerseits und im Türkischen andererseits
  • (Lit.3», Seite 184-187):
    • ist ein Sachverhalt möglicherweise erfüllbar (potentiell), so werde im Deutschen der Konjunktiv benutzt (türkischer se-/sa-Potentialis)
    • wird ein Sachverhalt nur (hypothetisch) angenommen, so wird im Deutschen der Indikativ benutzt (türkischer se-/sa-Potentialis)
    • drücken Verben eine Unschlüssigkeit aus, kann man bei der 1.Pers. (Sg.,Pl.) im Deutschen auch den Indikativ verwenden ("ob ich/wir ...?") (türkischer se-/sa-Potentialis oder seydi-/saydı-Irrealis)
    • im Regelfall verwendet man bei verallgemeinernden Nebensätzen (z.B.: "was ich auch sage/vorschlage (=indikativ), ... ") im Deutschen den Indikativ (anstatt: "was ich auch sagen/vorschlagen möge (=konjunktiv), ...") (türkischer se-/sa-Potentialis oder seydi-/saydı-Irrealis)
  • (Lit.4», S.19) zu unterschiedlichen Sachverhalten, die im Deutschen einen Indikativ bedingen:
    • tatsächliche Begebenheit
    • ausgedachter Sachverhalt (im Märchen) (Lit.3»: türkische miş-Vergangenheit)
    • allgemeingültiger Sachverhalt
Weiter heisst es:
  • Konjunktiv_1 und Konjunktiv_2 haben jeweils nur eine Vergangenheitsform, d.h. Konjunktiv2 Imperfekt/Präteritum wird nicht mehr als Vergangenheit des Konjunktiv gelehrt, sondern als Gegenwartsform des Konjunktiv2
  • Konjunktiv 1 (Präsens, Perfekt, Futur1): verwendet werde er hauptsächlich in der schriftlichen Sprache.
  • Konjunktiv 2 (Imperfekt/Präteritum, Plusquamperfekt, Futur2): ausführlich siehe Fortsetzung
  • alle 3 Vergangenheitsformen des Indikativ (Imperfekt, Perfekt, Plusquamperfekt) werden bei Transformation von der direkten in die indirekten Rede auf nur eine Vergangenheitsform abgebildet: die Vergangenheit des Konjunktivs ("1" (=Perfekt))
Irgendwann, wenn ich mal viel Zeit habe, muss ich meine schriftlichen Texte diesbezüglich statistisch analysieren (noch lange unerledigt).

Linksammler:
  • 1: D.Ader, K.D.Bünting, 2in1 Deutsche Grammatik zum Nachschlagen; nach gültiger Rechtschreibung 2006,
    Schroedel-Verlag, (3)2008, ISBN 978-3-507-22285-4
  • 2: M.Fromme, A.Villmer, Besser in Deutsch; Realschule 8.Klasse,
    Cornelsen-Verlag, (1)2009, ISBN 978-3-589-22752-5
  • 3: M.Ersen-Rasch, Türkische Grammatik für Anfänger und Fortgeschrittene,
    Hueber-Verlag, (2)2004, ISBN 3-19-005185-2
  • 4: Duden Schulgrammatik extra Deutsch 5. bis 10.Klasse; Grammatik und Rechtschreibung, Aufsatz und Textanalyse, Umgang mit Medien;
    Duden Schulbuchverlag, (3)2009, ISBN 978-3-411-71993-8
In meiner Schulzeit musste in den Grammatikbüchern das Wort "Präteritum" durchgestrichen und durch das Wort "Imperfekt" ersetzt werden und nun lese ich, dass man früher Imperfekt zum jetztigen Präteritum gesagt hat. Mal sehen, was die nächste Generation wieder durchstreichen darf? (dp)(1,25h)(1h(17.9.2010))(1,75h(18.9.2010))
Fortsetzung folgt
archiviert (tbid3325###.##392): (dp) 17.09.2010 (+0,20h(flagcounter))
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