Verfasst am 02.11.2007 23:17:11 Uhr Es ist zum Auswachsen Soeben las ich in der Abendausgabe der "Preisspirale, die unabhängige Zeitung für den Wettbewerb": Der Gewerkschaft deutscher Lohn-&Preistreiber kann das Grundrecht auf Streik laut Grundgesetz nicht verboten werden. Dabei dürfte sie nicht nur verbissene Gegner, sondern auch heimliche Befürworter ihrer Forderungen nach mehr Tarifgerechtigkeit haben. Denn lange Jahre haben alle deutschen Arbeitnehmer gehofft, durch solidarische Enthaltsamkeit den Kahn vor dem Sinken zu bewahren. Nach einigen Gehaltserhöhungen in den höchsten Kneipenkreisen (Zitat: "unter sieben Millionen Jahresgehalt trete ich diese verantwortliche Stelle garnicht an") fordert der Club der Demutsvollen nun nachdrücklich: "wenn schon Rauchverbot an Charlies Zapfhahn, dann bitte zu unseren Bedingungen". Was sagt uns diese Nachricht? Sie ist etwas wirr zu lesen, scheint aber eine geheime Botschaft zu enthalten. Als ich heute bei einer freien Tankstelle vorbeifuhr, betrug der Dieselpreis 1,199/liter. Es herrschte jedoch Hochbetrieb. Freund Reinhard verstand diese Botschaft sofort und tankte voll. Anschließend ließ ich mich überreden, es ihm gleichzutun. Auf dem Weg zu meinem Geheimtipp ließ ich eine Tankstelle für 1,249/liter links liegen, da ich noch ohne Brille eine weitsichtbare Preistafel mit 1,189/liter sah. Zwei Kunden vor mir waren nach zwei Minuten Wartezeit fertig und bereits um 18.55Uhr stand ich an der Tanksäule. Der Zapfhahn war eingesteckt und ... nichts tat sich! Der Kunde an der vorderen Säule hatte gerade knapp über zwei Liter getankt. Bei meinem nochmaligen Versuch sprang die Anzeige auf 0,19 , obwohl ja die Mindestabgabemenge 2liter betragen soll. Nach Auskunft der Kassiererin sei gestern erst der Dieseltanklastzug dagewesen und habe das Reservoir aufgefüllt. Wieviel Liter fasst eigentlich so ein Tankstellentank. Die Kunden müssen wohl heute Spritztouren um die halbe Welt unternommen haben, weil das Benzin noch relativ günstig war. Die gute Frau bekam von mir ein 20Centstück ohne Beleg bar in die Hand, damit ich nicht als Tankdieb gelte und ich trollte mich vom Hof. Die freie Tankstelle hatte ihren Preis innerhalb einer Stunde um 4Cent auf 1,239/liter erhöht. Nach zwei weiteren Preisbeobachtungen war ich es leid und tankte bei der dritten für den gleichen Preis 1,239/liter. Auf dem Heimweg mit vollem Tank kam ich noch an einer weiteren unabhängigen Tankstelle mit 1,199/liter vorbei. Es ist zum Auswachsen! Nun habe ich nachgedacht, wie es gehen kann, dass ohne verbotene Preisabsprachen innerhalb von weniger als einer Stunde die Spritpreise klettern. Na, es ist keinem Unternehmen verboten, den Markt zu beobachten und sich ihm marktwirtschaftlich anzupassen. Auch die Gewerkschaft der Lohn-&Preistreiber wird jetzt nach dem Gerichtsurteil nicht sofort handeln, sondern strategische Planspiele durchführen. Wer zuerst den Preis erhöht, dem laufen die Kunden weg, weil Herr und Frau König ja heutzutage auch ein Handy haben und den Preis beobachten. Es spricht sich herum, dass der Preis erhöht wird. Anstatt dass die Verbraucher die Nerven behalten und abwarten, bis der Preis wieder fällt, werden die schlafenden Autos aus den Garagen geholt und zum nächsten Billiganbieter gefahren und vollgetankt. Der freut sich über den Umsatz, sieht aber seine Gewinnspanne dahinsiechen. Daher beschließt er, den "Notschalter Tank-ist-leer" zu betätigen, damit er morgen unter einem marktwirtschaftlich angepassten erhöhten Preis zwar weniger Umsatz, dafür aber wieder mehr Gewinn einfahren kann. Diese Billigtankstelle will ja kein Monopoli-Spielverderber sein und den Preisschrauber nicht in den Ruin treiben. Solidarität macht stark! So hat halt jeder Bezirk seinen Preisschrauber, möglichst von einem anderen Konzern, damit es nicht nach Absprache aussieht. Und damit es nicht so aussieht, als gehe es nur nach oben, kann der Preisschrauber auch mal aus Gefälligkeit den Preis drücken, frei nach Art des Hauses. Und schon spricht sich wieder herum, dass der Preis gerade gefallen ist. Dies versöhnt den Preisschrauber mit seinen Kunden, die es ihm mit erhöhtem Umsatz danken. "Wir haben keinen Einfluss auf die Preisgestaltung, denn die Preise werden aus einer deutschen Großstadt ferngesteuert". Ist das noch freie Marktwirtschaft oder ist das Dirigismus? Hast Du schon gehört, eine amerikanische Ölplattform ist im Golf von Mexiko havariert? Hilfe, ich muss tanken! Und dann wartet König Kunde mit laufendem Dieselmotor an der leeren Dieseltanksäule und träumt von einem bald vollen Tank! Jetzt vermute ich, dass die Bosse der Gewerkschaft der Lohn-&Preistreiber bis zu Streikbeginn erstmal kräftig Ölkonzern-Aktien einkaufen, damit sie durch ihren Streik auf jeden Fall einen Gewinn erzielen, auch wenn sich die Tarifparteien nicht einigen wollen. Ob meine Vermutung zutrifft? (dp) (1h) archiviert (tbid1771.329): (dp) 14.06.2009 (+0,1h (4navi +flagcounter +home.icon +w3c_LiCh)) | ||