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Verfasst am 09.09.2007 21:38:02 Uhr
Zu besuch in der größten Rokoko-Kirche nördlich des Mains

Die EU hat den politschen Rahmen dazu gegeben, dass alle EU-Bürger im Gleichklang zu diversen jährlich wechselnden Themen mal an ihre kulturellen Güter denken. Denn was der Mensch nicht kennt, das kann er auch nicht schätzen und vor dem Verfall schützen wollen. Insbesondere sollen heute alle Denkmalstätten besucht werden, die sonst das Jahr über nichtöffentlich sind.

So auch die größte Rokoko-Kirche nördlich des Mains. Sie steht, wie der Name schon vermuten lässt, in Rokoko-Monte, und das liegt mitten in Hessen, quasi im Herzen der Natur. Man hat mich aufgeklärt, dass die Zisterzienserinnen nicht ein reiner Frauenorden war, wie ich erst wegen der Wortähnlichkeit "Schwester" (dts.) = "Sister" (engl.) = "Zister" vermutet hatte, nein die Männer dieses Ordens waren ursprünglich in Kloster Arnsburg an der Wetter (heute Stadt Lich) beheimatet, und die Frauen lebten etwas flussabwärts in "Rokoko"-Monte. Dazu gelernt habe ich heute beim Tag des offenen Denkmals, dass die Zisterzienser/innen ihre abgeschlossenen Domizile meistens in Flussniederungen oder zumindestens in Tälern errichtet haben, während die Benediktiner meistens dem Himmel nahe sein wollten und oben auf den Bergen ihre Klöster errichtet haben.

Wegen der Abgeschlossenheit trägt diese ehemalige Zisterzienserinnen-Abtei auch den Beinamen "Marienschloss", quasi eine Marienklause, die zur Einkehr (und Buße) einlädt. Damit ist auch eine Eselsbrücke geschaffen um zu erklären, warum man in keinem Atlas der Welt die sich der letzten hessischen Gebietsreform erfolgreich widersetzthabende selbständige Gemeinde Rokokomonte findet und das Einladungsschreiben den Zusatz enthält, "bitte vergessen Sie Ihren Personalausweis nicht!". Dieser Ort beherbergt nämlich eine sogenannte Justizvollzugsanstalt, ja noch genauer, in seinen Klostermauern. Es ist aber kein kirchlicher Ungläubigen-Knast, sondern untersteht dem Hessischen Justizministerium.

Ich finde es schade, dass so ein Juwel die meisten Tage des Jahres vor der Zivilisation weggesperrt ist. Wie viele andere meinte auch ich bisher, so ein sakrales Baudenkmal gebe es nur in Bayern oder Österreich. Vielleicht liegt es auch daran, dass seit der Reformationszeit die meisten Gemeinden in umliegenden Ortschaften evangelisch wurden und blieben und die katholischen Glaubensbrüder- und schwestern vertrieben wurden. Eine zeitlang soll im Mittelalter sogar die katholische Äbtin einen evangelischen Pfarrer für die Seelsorge und Gottesdienste bestellt haben, bis irgendwann Rockenberg wieder katholisch wurde. Die vormals für 50 Ordensschwestern plus Bediensteten konzipierte Abtei hatte in guten Zeiten nicht viel mehr als 30 Nonnen, in ihren letzten Aktionstagen nur 4 Zisterzienserinnen.

Ebenfalls gelernt habe ich, dass die Zisterzienserinnen auf einen Glockenturm verzichtet haben, da er zu wuchtig sei. Sie haben auf das Kirchendach nur einen sogenannten Dachreiter bauen lassen, der nur Platz für 1 bis 2 Glocken bietet. Ein Glockenturm hätte auf einem Turmfundament gegründet und aufgebaut sein müssen und nicht wie der Dachreiter auf dem Dachgebälk. Die etwas spartanische Gesinnung kam dem Stuck an der Decke zugute. Sonst hätte die Gefahr bestanden, dass Interiör optisch zu überladen.

Am Sonntag, dem 30.9.2007 um 18.30Uhr wird ein Zisterziensermönch "P.Maurus Zerb OCist" aus dem Stift Heiligenkreuz in Österreich zur Kirchweihe ein lateinisches Choralhochamt im Marienschloss zelebrieren. Aber schon als Kleinkind habe ich mich bei den unverständlichen Glaubensbekenntnissen gelangweilt und diese nicht wegen der Andersartigkeit besonders toll gefunden und mal ehrlich: wer geht schon gerne freiwillig in eine geschlossene Anstalt? Lieber fahre ich an einen See und lasse meine Augen in die Ferne schweifen und schaue anderen bei Surfen oder Segelbootfahren zu. (dp) (+1,5h)

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