Verfasst
am 21.04.2007 18:56:17 UhrStadtführung durch das historische GießenFreund Reinhard hatte in seinem Weblog einen Eintrag und Links zu diesem interessanten Thema angelegt. Also beschloss ich Kulturbanause, mir mal kulturelle Nachhilfe zu gönnen, zumal es eine kostenlose Führung sei.
 Teilnehmergruppe: 16m + 20f = 36p Anm.: Früher habe ich mich selber geärgert, dass manche Leute nicht richtig in der Tagespresse zu erkennen waren. Freund Reinhard rät, erst einen Bildausschnitt zu erzeugen und dann zu verkleinern, weil das die Bildqualität erhöhen soll!.
Dieses Photo ist nicht erst auf die Minigröße verkleinert und dann ausgeschnitten sondern der Ausschnitt ist verkleinert worden! Allerdings gibt es neben der voreingestellten Photostyler-JPG-Abspeicher-Qualität "Mittel" auch noch "Hoch", "Maximal" und "Niedrig". Welche Auswirkung dies auf die Dateigröße (kb) hat, kann nach einem Experiment zu meinen Tastaturbildchen erahnt werden.
Falls mir mal eine qualitativ höherwertige Verkleinerung gelingt, dann schreibe ich hierzu einen extra-Beitrag. Das kann aber noch Wochen dauern, denn ich habe jetzt keine Zeit zur Photoshop-Ausbildung.
Was ich vorher nicht wusste:
- der Name "Gießen", "zu den Gießen" soll von "Zusammenbächen" abstammen, zu hochdeutsch von "Zusammenflüssen mehrerer Bäche und Rinnsale", bevor sie sich in die Lahn ergossen. Vielleicht muss man sich das so vorstellen, dass diese Gießener Wasserläufe früher, zwar nicht so tief wie die Spreearme im heutigen Spreewald, aber vielleicht so ähnlich verteilt wie diese dort anzutreffen waren. Das ganze muss früher eine sumpfige morastige Landschaft gewesen sein. Einer der mir nicht näher bekannten Burgherren "Graf Wilhelm von Gleiberg" (heutzutage Ortsteil der Gemeinde Wettenberg) hatte auf seiner Länderei am östlichen Ufer der Lahn eine Wasserburg errichtet. Hier nahm der Name "Gießen" ihren Ausgang. Urkundlich ist die namentliche Bezeichnung seiner Witwe "Domina Salome Comitissa de Giezzen" (Frau Salome, Gräfin von Gießen) bekannt. Von der Wasserburg ist meines Wissens nichts mehr übrig ausser diesem Burgmannen-Haus "Leib'sches Haus", einem der ältesten und größten Fachwerkhäuser Hessens aus dem Jahre 1350.
- Im Zusammenhang mit "Giessen" fällt mir ein, dass mir niemand erklären konnte, warum die Leute von Ebersgöns, Pohlgöns, Kirchgöns, Langgöns in ihrer Mundart "-gies" zur Namenssilbe "-göns" sagen; dieses Gies soll nichts mit den Gänsen zu tun haben! Evtl. ist der, die oder das Gies (der Singular von "Giessen") der Bach, das Rinnsal oder schlicht der Graben, also demnach z.B.: Pohlgies der Pfahlgraben vom römischen Limes? Vielleicht ist das Wort Gies mit dem Wort Guss oder Gasse verwandt, denn Vokale machen leicht mal eine Lautverschiebung mit? Ist es nicht denkbar, -wo ich die urkundlichen Schreibweisen nicht kenne-, dass vielleicht früher "Gies" zu "Göhs" mutiert ist und irgendwann einer das Dehnungs-"H" in den Handschriften nicht richtig gelesen und als "N" interpretiert hat, so dass "Göhs" zu "Göns" mutiert ist?
- Später dehnte sich die Besiedlung "Gießen" in östliche Richtung aus, bekam nach einem Besitzerwechsel (Verkauf aus strategisch-spekulativen Gründen an irgendein oberhessisches Landgrafengeschlecht) eine Festungsanlage und ein neues Schloss, welches sich an der Stelle des heutigen "Alten Schlosses" befand. Später wurde dieses Schloss als gräfliches Witwendomizil verwendet, vielleicht eine Vorlage für das "Albert-Schweitzer-Kinderdorf" für unadelige Kinder. In diesem Witwendomizil verbrachte "Philipp der Gutmütige" (auf alten Gemälden "vollschlank" abgebildet) seine Kindheit und Jugend zusammen mit seiner Mutter als Halbwaise. Erwachsen, regierte er in Marburg. Daher rührt auch der Name "Philipps-Universität". Irgendwann besann er sich der schönen Gießener Zeiten und baute in ca. 100m östlicher Entfernung zu seinem Jugenddomizil ein "Neues Schloss", was auch bis heute so heisst. Seit dieser Zeit nannte man das als Witwendomizil genutzte Gebäude "Altes Schloss", wovon aber der 2.Weltkrieg auch nur einen sogenannten "Liebesturm" hat stehen lassen, das Gebäude also nur im Stile des ehemalige Gebäudes nachgebaut wurde. Einen Überblick über das alte Gießen vor dem 2.Weltkrieg erhält man bei einer Modellbesichtigung im Museum "Leib'sches Haus" hinter dem Stadtkirchenturm. Einige anwesende Bau-Fachhochschüler äußerten hinter vorgehaltener Hand den Wunsch, es wäre doch sicher interessant, wenn so ein Stadtmodell mal zur Vorlesung im Hörsaal aufgestellt werden würde! (Warum dupliziert man dieses in fleissiger Handarbeit gebastelte sehenswerte Objekt nicht mal für FH-Unterrichtszwecke "Gießen, früher und heute"?)
- Von der Existenz der Festungsanlage zeugen heute nur noch die Straßennamen "Südanlage", "Ostanlage", "Nordanlage", "Westanlage". Diese Straßen bilden den heutigen mehrspurigen Hauptverkehrsring um die ehemalige, im 2.Weltkrieg zu 80% plattgebombte Altstadt. Was die Stadtbilderklärerin nicht erzählte, aber mein Freund Dietrich auf unserer "Lyon Avignon Marseille Nizza Monaco Genua Turin Milano Como Zürich"-Rundfahrt zu berichten wusste, war, dass manche inoffizielle Stellen froh gewesen sein sollen, als die Deutschen Truppen im 2.Weltkrieg Marseille plattgebombt haben. Offiziell werden sie dies verständlicherweise niemals zugeben, aber durch dieses Flächen-Planieren sei erst die Möglichkeit entstanden, breite Prachtstraßen durch die Stadt zu bauen. So ähnlich muss die Situation auch in Gießen gewesen sein, nur dass wegen der Kriegschuld niemand den Gießenern Prachtstraßen hingestellt hat. Vorher muss die Altstadt derart eng bebaut gewesen sein, dass sogar manch Fußgänger sich in einen Hauseingang flüchten musste, wenn an diversen Stellen die Straßenbahn vorbei wollte. Und es soll wegen fehlender Kanalisation in Gießens Altstadt ordentlich gestunken haben
- Neben dem "Neuen Schloss", welches ab dem 1.Stock in Zierfachwerkbauweise errichtet wurde, befindet sich das noch heute so genannte "Zeughaus", ein ehemaliges Gräfliches Waffenlager, was von Touristen oft wegen seiner prunkvollen Bauweise mit dem "Neuen Schloss" verwechselt wird.
- Gegenüber befand sich einst das Verwaltungsgebäude der einstigen "Ludwigs-Universität", die den Namen von einem Landgraf Ludwig erhalten hatte, und befindet sich noch der sehenswerte botanische Garten. Heutzutage nach der Zeit von Justus Liebigs modernen Forschungs- und Lehrmethoden heißt diese Universität Justus Liebig-Universität, die jetzt ihre Hauptverwaltung in der Ludwigstraße hat und heuer (diesjährig) 400jähriges Bestehen feiert. Ein entsprechender Flyer zu diesem Thema fehlt mir ehem. Gießener Studenten und Uni-Mitarbeiter noch.
- im Botanischen Garten soll einst ein prachtvolles Großgewächshaus in Jugenstilbauweise den 2.Weltkrieg zwar überlebt haben, jedoch danach wegen Rost und unrentabler Restaurierung abgerissen worden sein.
- Wo heute das Großkaufhaus Karstadt am Seltersweg, - der ehemaligen Hauptstraße und heutigen Fußgängerzone -, steht, soll früher ein Schwimmbad "Volksbad" gewesen sein.
- Da nur 2Kirchen das 2.Weltkriegsbombardement überlebt hatten, wurde nach dem Krieg auch in Gießen eine sogenannte ev. Behelfskirche "Pankratiuskapelle" errichtet, die man aber später nicht wieder "zurückbaute", weil man die im Krieg zerstörte Stadtkirche in der "Kirchenstraße" nicht mehr aufbauen wollte. Heute ist hier nur der einsam auf einer Wiese stehende, in anderer Zeitepoche errichtete Stadtkirchenturm (Hier begann die Stadtführung!) zu besteigen, der evtl. morgen mittag besichtigt werden kann.
- Um die Jahrhundertwende (fertig um 1907) soll ein Wiener Architektenbüro "Fellner und Helmer" den Auftrag zum Entwurf des Stadttheaters bekommen haben. Infolge der "Begeisterung der Verantwortlichen" soll das Theater grundrißgleich (1:1-Kopie) sowohl in Klagenfurt ((slow.:) Celovec) als auch in einem ungarischen Ort Gablonz ((¿serb.:) Jablonec nad Nisou) nachgebaut worden sein.
- Gegenüber von Stadttheater und Kongresshalle am "Berliner Platz" befindet sich zur Zeit eine Großbaustelle mit 3Hochkrähnen. Hier hatte einst ein "Behördenhochhaus" gestanden, welches zu dem Zwecke der Verwaltung der Großstadt "Lahn an der Lahn", einer "durch Zwangsehe von Städten Gießen und Wetzlar und Umlandgemeinden gebietsreformierten Stadt", erst in den 1970er Jahren errichtet worden war. Es war inzwischen der Spitzhacke wegen angeblich unrentabler Asbest-Bausanierung zum Opfer gefallen. An dieser Stelle seien die gebietsreformbedingten Spitznamen "Oswaldinowski" oder so ähnlich für Gießen und "..." für Wetzlar erwähnt, wobei hier mein Kurzzeitgedächtnis leider versagt.
- An der Stelle der heutigen Kongresshalle, die von einem schwedischen Architekten(-team?) entworfen wurde, befand sich früher eine "Reform-Juden"-Synagoge. Diese reformierten Juden hatten sich vom "koscheren Fleischverzehrgebot" losgesagt und auch eine Orgel in ihr Gebetshaus eingebaut.
- Ein Faltblatt über das "Historische Gießen" soll es nur beim Touristen-Infobüro neben der Kongresshalle an der Südanlage geben (fehlt mir noch), welches bereits samstags um 14Uhr schließt.
- Last but not least: Wilhelm Conrad Röntgen ist wegen seiner berühmten Forschungstätigkeit an der Gießener Universität ein imposantes Denkmal neben dem Stadttheater gewidmet (Hier endete die Stadtführung!). Auch ist er auf dem "Alten Friedhof" begraben, weil ihm seine letzte "Wahlheimat" München nicht so gut wie Gießen gefiel bzw. seine aus Würzburger Zeiten (den Röntgen-Ring muss ich auch mal zu Fuß besuchen) nach Gießen geholte Familie auf diesem Friedhof ein Familiengrab besaß.
(dp)
archiviert (tbid1271.236): (dp) 25.05.2009 (+0,25h (flagcounter +home.icon +w3c_LiCh +html-korr.))
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