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Verfasst am 06.04.2006 21:34:40 Uhr
Hurra, die Grenze ist gefallen. Es lebe der Limes

Auch ich freute mich über den Fall der Berliner Mauer und die Aufhebung der innerdeutsche Grenze. Vor fast zwei Jahrtausenden gab es schon eine innerdeutsche Grenze, die aber grob von West nach Ost verlief. Es war nicht bloß ein Hasenzaun, sondern wie die Rekonstruktionen ergaben, eine für damalige Verhältnisse gut strategisch geplante, gesicherte, aber nicht unüberwindbare Militärgrenze. Im Folgenden beginne ich eine Serie über dieses Militärbauwerk der "Antike" mit einer Abschrift und Fotos von Schautafeln, die die Gemeinde Pohlheim als Lehr- und Denkmalnachtafeln für die Nachwelt an historischen Fundorten dankenswerter Weise kürzlich anbringen ließ. Schließlich ist dieses stellenweise nur noch virtuell vorhandene Bollwerk ein UNESCO-Weltkulturerbe und gehört damit allen Erdenbürgern und Internetsurfern.

Zur Zeit noch fehlende Bilder werden irgendwann nachgeladen. Bei meinem Ausflug am 5.4.2006 habe ich ca. 200Fotos aufgenommen, die alle noch gesichtet werden müssen.

Wenn man von Langgöns in Richtung Holzheim / Grüningen fährt und nicht aufpasst, übersieht man leicht das Hinweisschild zum Kastell "Holzheimer Unterwald" links der Straße, da auch kein Parkplatz vorhanden ist. Dieses ehemalige römische Militärareal liegt auf der (von mir mit der Mustek DV4000 digital abfotografierten) ÜbersichtsKarte 1 am unteren Rand ungefähr zwischen grüneingezeichneter Limeslinie und Straße Langgöns-Grüningen oder aber in Übersichtskarte 2,Pos.O.

Am Pohlheimer Römerturm hängt eine Übersichtskarte (fehlt hier noch!), auf welcher die Römerttürme, Wachtposten und Kleinkastelle eingezeichnet sind. Hieraus ersichtlich liegt das Holzheimer Kleinkastell nicht neben einem Tiefbrunnen, sondern wurde ins Quellgebiet eines nach Langgöns abfließenden Baches gebaut.

Dort findet man eine Schautafel mit Bildern und Text. Der hier publizierte Text wurde teilweise von mir ergänzt oder bearbeitet:

Der Limes bei Pohlheim

Kastell "Holzheimer Unterwald" (Foto-Album)

Das Kastell "Holzheimer Unterwald" nahm eine Grundfläche von 18.60m * 19.40m ein. Es war von einer Basaltsteinmauer umwehrt, vor der ein 2m breiter und 1m tiefer Spitzgraben lag. Im Westen befand sich das 2.50m weite Haupttor, über dem sich ein Torturm erhob, im Osten lag ein schmaler Durchlass von 1.20m Breite. Beiderseits der Lagergasse standen Fachwerkbauten, die den 20 bis 30 Auxiliarsoldaten (= HilfsSoldaten) als Unterkünfte dienten.

Zu Zeiten der jüngeren Bauphase wurde der östliche Durchgang vermauert und die südliche Mannschaftsbaracke um zwei Räume verkürzt. In dem von Bebauung ausgesparten Areal wurde ein Brunnen gegraben. Die runde 2m * 2m messende Brunnengrube bzw. der quadratische Brunnenschacht von 1.10m Seitenlänge reichte 9.50m unter die römische Oberfläche (= Oberfläche des römischen Lagerbodens). Dieser Brunnen gewährleistete die Frischwasserversorgung im Kastellinnern.

Im Gegensatz zu den bislang ergrabenen Kastellen dieser Größenordnung am obergermanischen Limes hat das Kastell "Holzheimer Unterwald" eine rechteckige, steinerne Umfassungsmauer mit scharfen Ecken. Ihr geringer Abstand zu den beiden Wohnquartieren schließt die sonst übliche Erdrampe mit Wehrgang aus. Diese architektonische Gestaltung gibt deutliche Hinweise auf das Aussehen des Holzheimer Militärstützpunktes, wie sie die Rekonstruktionsvorschläge veranschaulichen sollen.

Der Wetteraulimes

An dem nach Norden ausgreifenden Bogen des Wetteraulimes lagen zwei je 500 Mann starke Truppenverbände (Butzbach und Arnsburg), mehrere Kleinkastelle und zahlreiche Wachtürme, wie die nebenstehende Karte zeigt. Die Besatzungen schirmten die fruchtbare Wetterau gegen die Germanen ab, da alte Fernverbindungen vom Mittelrhein hier über den Limes in das freie Germanien führten. Rund anderthalb Jahrhunderte bestand das Limessystem, ehe Rom sich 260 n.Chr. gezwungen sah, seine rechtsrheinisch stehenden Verbände abzuziehen.
Truppenlager unterschiedlicher Größenordnungen bildeten wesentliche Bestandteile der römischen Grenzkontrolleinrichtung. Mit 290m² nutzbarer Innenfläche zählt das Holzheimer Kastell zu den kleinsten Vertretern. Mutwillige Zerwühlungen lösten von 1988 bis 1991 Rettungsgrabungen der Archäologischen Denkmalpflege Hessens aus, deren Ergebnisse die baugeschichtliche Entwicklung dieser Militärstation nachvollziehen lassen.

Der römische Limes

Der römische Limes ist mit rund 550 km Länge das größte archäologische Kulturdenkmal Europas. Im hessischen Teil von etwa 180km ist sein ehemaliger Verlauf stellenweise noch sehr gut im Gelände auszumachen; so auch am hiesigen Standort: der Limeswall erreicht noch bis 2m Höhe, im ehemaligen Limesgraben verläuft ein Forstweg, der die Gemarkungsgrenze zwischen Pohlheim-Holzheim und Langgöns markiert.
Das Wort Limes entstammt der Fachsprache der römischen Landvermesser und bedeutete ursprünglich Besitzgrenze, Weg, Schneise. In militärischen Zusammenhängen bezeichnete "limes" eine offene Bahn oder auch eine freigeschlagene Waldschneise, die Truppenbewegungen gestatte. In dieser Bedeutung verwendete Caesar das Wort (51v.Chr.). Auch in der Zeit der Germanenkriege unter den Kaiser Augustus und Tiberius (12 v.Chr.-16.n.Chr.) wurde der Fachausdruck gebraucht und später während der Chattenkriege des Kaisers Domitian (83-85 n.Chr.). In der Bedeutung von militärischer Überwachungseinrichtung erscheint der Begriff "limes" erstmalig bei dem Schriftsteller Tacitus (98 n.Chr.). Der erweiterte Bedeutungsinhalt wurde schließlich auf den gesamten Militärbereich übertragen und umfasste alle Organisationsstrukturen wie Verbindungswege, Wachtürme und Truppenlager. Das römische Limessystem diente als Kontrolleinrichtung Roms gegen Germanien.
Nach Gründung der Provinz Germania Superior um 85 n.Chr. begannen die Römer zu Beginn des 2.Jh. n.Chr., ihre rechtsrheinischen Besetzungen durch den Limes zu sichern: Wegschneisen wurden in die Wälder geschlagen und diese mit hölzernen Türmen bewehrt, um eine lückenlose Überwachung zu gewährleisten. Jahrzehnte später folgte eine Palisade vor diesem Begleitweg, wurden die Holztürme durch dauerhafte Steintürme ersetzt und schließlich Graben und Wall hinter der Palisade angelegt. Diese vier aufeinander folgenden Ausbauphasen kennzeichneten auch die nördliche Streckenführung des obergermanischen Limes.

Wp.4/48 - Kastelle, Wachtürme und Soldaten: Grenzschutz in der Wetterau

Wie am gesamten Limes, so existierte auch in der Wetterau ein System von Kastellen und Wachttürmen zur Grenzkontrolle. Im Hinterland in Mainz war die 22.Legion mit ca.5500 Mann stationiert. Hier war auch der Stützpunkt der Rheinflotte. In Straßburg stand die zweite in Obergermanien stationierte, die 8.Legion. Die Aufgabe der Legionen war nicht nur kriegerischer Natur. Neben der Abkommandierung von Einheiten für Kriegszüge stellten sie vor allem Ingenieure und Handwerker für militärische, aber auch zivile Bauvorhaben und produzierten Baumaterial.

In den Kastellen entlang des Limes standen Hilfstruppen (cohortes und alae) mit ca. 500-1000Mann Stärke. Dazwischen gab es Kastelle mit kleineren Einheiten (numeri) von etwa 150 Mann. Kleinkastelle wie das im Holzheimer Unterwald, belegt mit 30-40 Soldaten, dienten z.B. der Überwachung von Limesübergängen. Die Wachttürme waren in Sichtweite zueinander errichtet. Ihre wechselnden Besatzungen von bis zu 8 Mann waren aus den Hilfstruppen abkommandiert. Sie erledigten die unmittelbare Kontrolle der Grenzlinie und die Nachrichtenübermittlung durch optische (Rauch, Fackeln, Flaggen) oder akustische (Hörner) Signale.

Die Steintürme besaßen drei Geschosse. Die Besatzungen versahen mehrere Tage ihren Wachtdienst an einem Turm. Aufschluss über ihr Aussehen gaben die Darstellungen auf der Trajansäule.

Legionäre (A) und Hilfstruppen (B):
Ein Hilfstruppsoldat (auxiliarius) trug über einem kurzen Untergewand (tunica) ein Kettenhemd und eine Hose aus Leder oder Stoff, ein Halstuch, genagelte Schuhe und einen Metallhelm mit Nackenschutz und Wangenklappen. Zur Bewaffnung gehörten ein ovaler Schild, Schwert und Dolch sowie verschiedene Lanzen und Wurfspeere. Die Ausrüstung eines Legionärs unterschied sich davon durch den Schienenpanzer, den rechteckigen Schild und einen speziellen Militärgürtel.

Wp.4/47 - Geoelektrik und Geomagnetik: Archäologie ohne Spaten

Geophysikalische Prospektionen bieten die Möglichkeit, auch ohne eine archäologische Ausgrabung Erkenntnisse über im Boden verborgene Mauerzüge und Gräben zu gewinnen. Die durch Unterschiede in der Bodenbeschaffenheit verursachten Abweichungen im elektrischen bzw. magnetischen Feld werden dabei mit entsprechenden Geräten gemessen.

Bei der Erforschung des Limes im 19.Jh. wurden die Wachtposten Wp.4/47, 4/48 und 4/48a nur ungenau dokumentiert. Durch die geophysikalische Prospektion im Jahre 2005 konnte nicht nur ihre exakte Lage festgestellt werden, es kamen weitere Baustrukturen zum Vorschein, die aus der Zeit der mittelalterlichen Nutzung des ehemaligen Limes als Landwehr stammten.

Bei Wp.4/47 zeigte die Aufnahme das quadratische Fundament des Römerturmes inmitten einer runden Einfriedung. Wp.4/48 bot ein ähnliches Bild. Hier waren südlich des Turmes noch weitere Bauten zu erkennen. Bei WP-4/48a lagen die Reste einer ähnlichen runden Anlage nördlich des Limesturmes.

Zwei geradlinige Strukturen, die parallel zum Limes verlaufen, schneiden die Turmfundamente. Ob es sich hierbei um ehemalige Ackergrenzen, Pflugspuren oder aber um Bestandteile einer mittelalterlichen oder gar römischen Grenzbefestigung handelt, kann nicht eindeutig geklärt werden. (Fortsetzung, wenn ich wieder Zeit und Lust dazu habe). (dp)
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