Verfasst am 10.03.2006 19:56:47 Uhr Anmerkungen, Nachdenkliches und Probleme bei der Internet-Recherche zu lateinischsprachigen Chemikalienbezeichnungen Im Gegensatz zum Neugriechisch-Unterricht an der VHS hat mir das Latein am Gymnasium keinen Spaß gemacht. Ich habe es trotzdem bis zum Großen Latinum geschafft, denn man wollte sich ja nicht die Berufskarriere verbauen, wo doch damals bei einigen Studienfächern als Eingangsvoraussetzung das Latinum nötig war. Das freie Latein-ChemieLexikon (Wikipedia) träumt noch süß von freiwilligen Mitarbeitern, die zudem know how (knoffhoff) mitbringen. Alte Wikipedianer, die Zeit hätten, wissen nicht, wo sie die Information für die richtige Nomenklatur (lat.: nomenclatio = Benennung mit Namen) herholen sollen, denn begnadete lateinkundige Historiker sind keine Chemiker. Apotheker, Ärzte und Homöopathen, Botaniker und Biologen, die die lateinischen Synonyme wissen müssten, sind profitorientiert und denken nicht daran, ihre kostbare Zeit mit einem Wiki-Engagement zu vergeuden. Ausserdem dürfte die Heilberufsgruppe Angst haben, gegen das Heilmittelwerbegesetz zu verstoßen, indem sie ihr Wissen an Nicht-Heilberufler weiterreichen, weswegen ihre Datenbanken auch alle passwortgeschützt sind (Lit.»). Also "darf" ich wieder 'ran, wo es nix bringt. Vorweg sei angemerkt, dass die Reihenfolge der lateinischen Substantive auch vertauscht zitiert sein kann (z.B.: Lit.»), z.B. wird für Ameisensäure (acidum formicum) oder (formicum acidum) berichtet. Hier in meinen Listen wird meist aber nur eine Form angegeben, wo das Kathegorie-Substantiv führend ist (es heißt meist "Imperium Romanum" und selten "Romanum Imperium"). Eine Regel gilt auch noch heutzutage: Irren ist menschlich und eine lateinische Substanzbezeichnung wird dadurch nicht richtig, dass sie vor langer Zeit (z.B. hunderten von Jahren) so benutzt wurde. So ist es auch durchaus denkbar, dass ferne Generationen über diese ihrer Meinung nach schlechte deutschsprachliche Grammatik unserer Zeit sich an den Kopf fassen werden. Im Latein gilt die Regel (für die -Endsilbe): wenn das Substantiv nicht maskulinum (-us) oder femininum (-a) ist, dann ist es neutrum (-um) (sächlich; nicht neutrinum). Da aus dem Altlatein der Geist (spiritus, alkoholisches Getränk) mit männlicher Endung "-us" gebraucht wird, hat sich wohl zu Zeiten von Justus Liebig "alcoholus" mit gleichem Geschlecht etabliert. Allerdings wird auch "alcoholum" von Homöopathie-Webseiten zitiert. Ursprünglich stammt es wohl aus dem Arabischen الكحول, (al-khwl) oder الغول (al-ghawl) und bedeutete «alle Substanzen pulverisierend» bzw. «Destillat, destillierte Flüssigkeit». Daraus abgeleitet sind die lateinsprachlichen Variationen für das Aldehyd. Für die Wortschöpfung Alcohol dehydrogenatus bzw. Alcoholus dehydrogenatus bzw. wie es nach den Neulatein-Regeln richtiger heissen würde: Alkohol dehydrogenatum (siehe auch: Lit.1», unten) wird kein geringerer als der berühmte Chemiker Justus Liebig (1835) verantwortlich gemacht. Nachdem Liebigs seltene 1.Veröffentlichung von 15 Seiten im Jahr seiner Promotion (hier 1822 zitiert!) im 480 seitigen Repertorium für die Pharmacie, Hrsg. Buchner und Kastner, Nürnberg,Schrag 1822 erschienen ist (die 620,-- EURo bei Antiquariat Gerhard Gruber, Heilbronn (inexist.Link im April2009 deaktiviert) sind mir echt zu teuro (wer es sich leisten will: mit < S t r g >F nach "Liebig" oder "66242/1" suchen)) und er (siehe Katrin Cura: Bericht über die Exkursion zum Liebig-Museum in Gießen am 12. Juli 2003) 1823 "in absentia" an der Uni Erlangen über Knallquecksilber promoviert worden war, wurde er auf Empfehlung des Alexander von Humboldt seit 1824 als außerordentlicher Professor nach Gießen berufen, wo er wegen seiner Erfolge seit 29.02.1845 zum Freiherr Justus von Liebig geadelt wurde. Nach ihm ist meine ehemalige Ausbildungsstätte Justus-Liebig-Universität benannt. Seine Urheberrechte oder Markenrechte einer Wortneuschöpfung sind schon lange abgelaufen und daher kann man analog zu den oben erwähnten Sprachvariationen bei Alkoholen auch lateinsprachliche Aldehyd-Bezeichnungen nicht nur als "aldehydus", sondern von Pharmakologie- und Homöopathieseiten auch "aldehydum" zitiert finden. Möglich ist auch, mir aber unbekannt, dass im Laufe der Jahre bis heute mal eine Nomenklatur-Neuregelung stattgefunden hat, auf der beschlossen wurde, Alkohol "alcoholum" und Aldehyd "aldehydum" zu nennen. Es wird ein Nomenklaturdatum von einem Dr.Carl Arnold 1887 genannt (Lit.»), aber mehr als dieses Zitat findet google zur Zeit nicht. Eine andere Nomenklatur "IUPAC" wird geschaffen und ist heute noch gültig, weil mit der Zunahme der Möglichkeiten zur Analyse bzw. Synthese der Namensvorrat für Trivialnamen zur Neige ging. Zum Beispiel gehorcht bei gleicher Summenformel die Anzahl möglicher unterscheidbarer Verbindungen (KonstitutionsIsomere) zu einer Alkanspezies dem Exponentialgesetz, d.h. es gibt für ein: ¤ C1-Alkan (Methan) genau 1 ¤ C2-Alkan (Ethan) genau 1 ¤ C3-Alkan (Propan) genau 1 ¤ C4-Alkan (Butan) genau 2 ¤ C5-Alkan (Pentan) genau 3 ¤ C6-Alkan (Hexan) genau 5 ¤ C7-Alkan (Heptan) genau 9 ¤ C8-Alkan (Oktan) genau 18 ¤ C8-Alkan (Nonan) genau 35 ¤ C10-Alkan (Decan) genau 75 ¤ C15-Alkan (Pentdecan) genau 4347 ¤ C20-Alkan (Eicosan) genau 366319 ¤ C30-Alkan (?) genau 4111846763 ¤ C40-Alkan (?) genau 62481801147341 Isomere (Lit.1»,Lit.2»,Lit.3» (inexist.Link im April2009 deaktiviert)), d.h. ein modernes Latein muss mit dieser IUPAC-Nomenklatur kompatibel sein, will es wieder zu einer lebenden Sprache erwachen und keine Liebhaberangelegenheit bleiben. Sonst trink Du Deinen "spiritus sanctus" und schweige. Große Probleme bereitet die Aufnahme von Namen mit "k" (Keto, keton), da bis auf sehr wenige (Lehn-)Worte wohl das "k" nicht zum lateinischen Ur-Alphabet gehörte. Diese Lehnworte sind: ¤ "kappa" für den griechischen Buchstaben und das spätere Zahlzeichen für 90 (hat 90 etwas mit dem Netto nach Abzug der 10% Steuer zu tun?), ¤ "kal." für "kalendae" oder "calendae", dem 1.Tag im Monat bzw. Zahltag, ¤ "k." für "kaeso", einem römischen Namen Da "solvere ad kalendas Graecas" (abzahlen zum Griechen-Zahltag) vom Langenscheidts Taschenwörterbuch mit scherzhaft "nie bezahlen" wiedergegeben wird, scheint wohl zur Zeit des Kaisers Augustus das "k" wegen der Griechen oder der Römer griechischen Ursprungs ins Alphabet aufgenommen worden zu sein. Diese Weitsicht zur Adaption anderer Buchstaben kann bedeuten, dass das moderne Latein sich den chemischen Substanznamen mit "K" oder griechischsprachlichen Vorsilben nicht verschließen darf. Ausserdem wurden schon zur Altlateinzeit griechische Fremdwörter ins Lateinvokabular aufgenommen, z.B.: "carcinoma" (Krebsgeschwür) firmierte damals gemäß Langenscheidts Taschenwörtebuch zu einem Schimpfwort. Daher die Frage, warum sollte modernes Latein nicht ebenfalls moderne Fremdwörter in sein Vokabular aufnehmen können? Den ersten mutigen Gebrauch vom "k" machen wohl die Biologen und Botaniker, z.B. das Bakterium rhodococcus erythropolis. Es firmiert unter anderem auch mit folgenden Synonymen (vollständige Liste»): ¤ nocardia calcarea, ¤ arthrobacter hydrocarboglutamicus, ¤ arthrobacter oxamicetus subsp. propiophenicolus, ¤ arthrobacter paraffineus, ¤ arthrobacter picolinophilus, ¤ brevibacterium healii, ¤ brevibacterium ketoglutamicum, ¤ brevibacterium paraffinoliticum, ¤ corynebacterium alkanum, ¤ corynebacterium aurantiacum, ¤ corynebacterium humiferum. Nun zu den Alkanen. Der zur Zeit einzigste Beitrag ist wieder einer aus der Botaniker-Webseite. Hier wird beschrieben, wie es zum Namen für "Gordonia alkanivorans" (von Kummer et al. 1999) kommt. Die Kategorie "Etymology" gibt Auskunft, dass alkanum (und zwar mit "k" geschrieben) eine Latein-Bezeichnung (N.L. = Neo-Latin) für saturated aliphatic hydrocarbon sei, vorare lateinisch (L.) für "to eat, fressen, essen" steht, woraus sich die moderne Neulateinisch-Bezeichnung alkanivorans (part.adj.) für "alkane-devouring" ergibt, ein Bakterium also definiert wurde, was Appetit auf Alkane zur Verköstigung hat. In der dortigen Webseite bedeutet "M.L." = Medieval Latin oder Pharmazeutisches Latein und hat ausdrücklich nichts mit Modernem Latein zu tun. Bei dieser Experten-Seite wird bereits die Richtung gewiesen N.L.+L. => N.L. (gehorcht IUPAC), M.L.+L. => M.L. (verwendet aus Tradition Trivialnamen, im Widerspruch zu IUPAC), M.L. < =/= > N.L, d.h. es müssste nicht nur der Text zwischen Englisch und Latein, sondern noch zwischen M.L. und N.L. übersetzt werden, von Kirchen-Latein und Jäger-Latein ganz zu schweigen. Es ist gut und wichtig, dass die Homöopathie und Pharmazie das jahrhundertealte Wissen über die M.L.-Sprache und seine Abkürzungen pflegt und erhält, wir kommen aber nur mit N.L. Neulatein (analog zu Neugriechisch) weiter. Ohne große Lateinkenntnisse ergibt sich aus der letzten Feststellung, IUPAC und der Analogie: • Alkan heißt auf lat. alkanum (Literatursuche "-an"»), • Alken heißt auf lat. alkenum (Literatursuche "-en"»), • Alkin heißt auf lat. alkinum (Literatursuche "-in"»). Auch wenn ich mich jetzt geistig verprügelt sehe, so denke ich, kann aus Gründen der Kompatibilität fortan
Die Latein-Deklinationstabelle für Aether und Ester befinden sich im 2.Beitrag v.17.3.2006. Im Mittelalter nahm man anfangs an, der Ester sei ein Äther, weswegen von manchen Zeitgenossen immer noch für beide Stoffgruppen bzw. Chemischen Verbindungstypen, Ester und Äther, die Altlateinübersetzungen Aether genommen wird, was eindeutig dem IUPAC widerspricht. Äther werden durch VerbindungsReaktion zweier Alkohole unter gleichzeitigem Entzug von Wasser gebildet und bei Ester nahm man anfangs an, Carbonsäuren würden wegen des sauren pH-Milieus nur diese Ätherbildung begünstigen, bis man später merkte, dass eine andere Substanz durch eine Verbindungsreaktion von Alkohol mit Carbonsäure bei gleichzeitigem Entzug von Wasser gebildet wurde. Gemäß IUPAC-Norm wird denn auch als Ersatz für die Bezeichnung Äther der Begriff Alkoxyalkan (Alkoxyalkanum) eingeführt, z.B. Methoxymethan für einen Dimethyläther. Ester kann man wie das Salz einer Carbonsäure ein Alkylcarbonat nennen, z.B.: Methylformiat für den Methyl-Methylester. Um den Beitrag über die Kategorie:Chemische Verbindung (Alkane, Alkene, Alkine, Alkohole, Karbonsäuren, Aldehyde, Ketone, Äther, Ester) im lateinischen Wikipedia von zuviel Erläuterungen freizuhalten, werden sie diesseitig abgelegt. (dp) archiviert(tbid611.110): (dp) 05.04.2009 (+0,25h (+flagcounter +home.icon +Link-rep. +w3c_LiCh +html-korr.)),02.8.2010(+0,03h(-validome.org+w3c_HTMLch)) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||