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Verfasst am 18.10.2005 07:59:43 Uhr
Mein erster Kurzkrimi

"Jeder mit Reißmatismus kennt die Infrarot-Lampen, die wohlige Wärme aussenden." Mist, sollte man nicht lieber etwas anderes Schreiben? Rheuma mit Wärme behandeln, geht das eigentlich? Hätte da nicht viel früher vor dem Entstehen des Rheumas mit Wärme therapiert werden sollen? Müsste nicht jetzt gekühlt anstatt erwärmt werden? Leider bin ich kein Arzt und ein Rheumatologe schon garnicht und zum Glück nicht davon betroffen. Aber mein Auftraggeber hätte ganz gerne bis Ende des Monats einen Roman zu diesem Thema und ich hätte ganz gern das Autorenhonorar für ein neues Auto. Also sollte ich mich heute nachmittag noch mal in der Präsenzbibliothek der Medizinischen Berufsfachschule des HUMAINE Vogtland-Klinikum Plauens, eines akademischen Lehrkrankenhauses der Universität Leipzig umschauen. Schließlich wirbt diese Klinik mit dem Einstein-Slogan: „Persönlichkeiten werden nicht durch schöne Reden geformt, sondern durch Arbeit und eigene Leistung“.

Also legte ich mein Diktiergerät, auf welchem ich alle Gedanken festhielt zur Seite und stieg aus dem Auto, welches ich auf dem Parkplatz vor einem Superdiscounter im Backwarensektor abgestellt hatte. Es war ein reges Treiben hier an dem eigens für das EC neu geschaffenen Autobahnanschluss "Chemnitzer Straße" nahe dem "Gewerbegebiet Zum Plom" bei Plauen-Ost. Das war nach der Wende noch nicht abzusehen, wie sich diese blühende Landschaft hier entwickeln würde. Nach dem Abriss der Stadtrand-Plattenbauten hatte man hier ein großes Einkaufszentrum mit Fördergeldern aus EU-Mitteln errichtet, und man sah es dem fußballfeldgroßen Komplex an. Diverse Geschäfte und Läden erfreuten sich mehr oder weniger der Beliebtheit der sehr wählerischen Kunden. Sie waren vor Jahrhunderten mit Spitzentechnologie zu Wohlstand gekommen und innerhalb eines Jahrhunderts hatte sich die Bevölkerung um das ca. 15fache von einem beschaulichen Dorf zu einer Großstadt entwickelt. Und heute musste jeder den neuen Eurocent mehrmals wenden, bevor er ihn ausgeben konnte, so arm hatte die Massenarbeitslosigkeit diese Region des Vogtlandes gemacht. Es waren seit der Eröffnung bereits einige Läden pleite gegangen und nun drohte neues Unheil.

Man war von Plauens Stadtregierung begeistert ein Patenschaft mit Asch im böhmischen Vogtland eingegangen, überhaupt wollte man die Mikroregion "Freunde im Herzen Europas" nicht politisch versteppen lassen (war eigentlich schon während der DDR-Zeiten passiert). Diesmal sollte außer dem Austausch von "Freundschaftsgrußadressen" mehr Leben in die zwischenstaatlichen grenzübergreifenden Beziehungen kommen. Aber soweit es jetzt gekommen war, hatte keiner in seinen kühnsten Träumen geahnt: In einem ehemaligen Feinkostladen, dessen Inhaber die Kreditraten nicht mehr zahlen konnte, hat seit kurzem dieser Diskontladen aus Tschechien eröffnet, nur 150m entfernt von der noch existierenden Backwarenfiliale des schon seit drei Generationen ortsansässigen und trotz der DDR-Wirren beliebten Bäckermeisters Strobelwitz. In diesem Diskontladen gab es, auch die EU macht es möglich, Backwaren zu einem fünftel der ortsüblichen Preise. Alle Waren waren auf deutsch ausgezeichnet, ein Entgegenkommen an die deutsche Gewerbeordnung. Es wurde auf deutsch bedient von deutschen Fachkräften auf Geringfügigkeits-Lohnbasis. Die Politiker förderten seit vielen Jahren die lohnniedrigen und ehrenamtlichen Tätigkeiten, um die staatlichen Gehälter ebenfalls nach unten drücken zu können. So konnte man anstatt einer Vollzeitkraft wenigstens drei dauerarbeitslosen Teilzeitkräften wieder eine neue Perspektive geben. Und sie bekamen von Fa. Hurtíková einen Gutschein für eine tägliche warme Malzeit in der Betriebskantine des Centers spendiert, die ebenfalls aus Tschechien beliefert wurde. Als Provision für jeweils 20 neue Dauerkunden, die über das Payback-KartenSystem ermittelt wurden, konnte sich das Team eine von zehn leckeren Torten böhmischer Backkunst aussuchen. Und das Geschäft florierte.
Jeden Morgen um 2Uhr machte sich in der Tschechischen Republik ein Trupp von 20 Lieferwagen auf den Weg ins deutsche Grenzgebiet. Nachdem auch viele Nebenstraßen und kleine Grenzübergänge gut ausgebaut waren, lohnte sich der Transportweg auch von der Fahrzeit her, so dass um 6Uhr die meisten Fahrer wieder daheim in Czeske Republiky waren. Und dieser Großbäckerei-Betrieb war auch mit EU-Geldern gefördert worden, man liebt ja den Wettbewerb.

Nur der deutsche Bäcker kam dagegen nicht mehr an. Diese Woche wollte er noch zur Haupteinkaufszeit seine Restbestände und bestellten Waren verkaufen und ab nächste Woche seine Filiale ganz schließen. Er war von der Centerleitung verpflichtet, noch die Miete für zwei Jahre zu zahlen, wenn er keinen Nachmieter zu gleichen Konditionen fand. Aber so konnte er sich von den Verkäufern trennen, auch wenn es wieder zwei gutausgebildete Fachkräfte traf. Die eine junge mit Familie heulte sich schon den ganzen Tag im Auffenthaltsraum die Tränen aus den Augen und hatte schon einen richtig roten Kopf vor Wut auf die Politiker. Die andere wollte sie trösten, aber wie? Ihr stand ja das gleiche Schicksal bevor, nur kam sie in die Vorzüge des "vorzeitigen Ruhestandes". Also es war eine Tragik!

Aber die Umsätze der Billig-Backwaren-Filiale Anna Hurtikova brummten. Nun hatten die Bäckerei-Verkäuferinnen der abzuwickelnden deutschen Filiale auch noch einen Passus im Vertrag, der ihnen in den nächsten 24 Monaten die Weiterbeschäftigung in einem ortsansässigen Branchengeschäft verbot, damit wollte sich der deutsche Bäcker die aufkeimende Konkurrenz vom Hals halten, aber nun, damit hatte keiner gerechnet, kamen eben die Tschechen, und sooo billig! Sie hätten sich notfalls bei Frau Hurtikova beworben, aber das durften sie nun nicht, aber ohne Akzeptanz dieses Passus hätten sie vor zehn Jahren die Stelle beim Filialleiter Vogt nicht bekommen.

Als ich eben meinen Autoschlüssel kurz in die Hosentasche stecken wollte, denn ich musste niesen (ob da die neue Vogelgrippe-Variation schuld ist?), schwups, viel die Armbanduhr Marke "Fortuna Swiss" neben das Auto. Einer der Stifte des Armbandes war kaputt und ich hätte es fast nicht bemerkt, als sie mir wie von Zauberhand vom Handgelenk glitt. Ich hörte lediglich ein Klacken, als die Uhr auf den Asphalt aufschlug. Doch halt, war es da wieder? Ein Geklacke? Hätten das schallgedämpfte Schüssen sein können oder ein Knacken in der Leitung des Lautsprechers? Soeben kam eine Durchsage des Center-Lautsprechers: "Der Fahrer des Wagens GRZ-XYZ 432 wird dringend gebeten, sein Fahrzeug zu entfernen!" Sehr bestimmt hörte sich das an, fast wie auswendiggelernt. Ich schaute nach links, wo unter den Eichenbaumneuanpflanzungen zwischen den Parkplatzreihen ein Polizist und eine Polizistin noch in der alten bundesdeutschen gelboliv-Uniform mit Schusswesten eiligen Schrittes zum Center-Haupteingang schritten und sich noch die umgehalfterten Pistolengürtel zurechtzurrten. Sie hatten keine Zeit für Blicke nach den bereits vor dem Eingang der Filiale Hurtikova in artiger Schlange aufgereiten Kunden, denn das Schlangestehen hatten die Menschen ja jahrzehntelang gelernt....

Ähnlichkeiten mit realexistierenden Personen, Firmennamen und Ortsbezeichnungen und Kennzeichen sind rein zufällig. (dp)

Nachtrag am 10.3.2009 um 18.34Uhr:
Das "Humaine Vogtland-Klinikum Plauen" ist (seit 2007) zum "Helios Vogtland-Klinikum Plauen" mutiert und natürlich sind obige Links nun leider gebrochen. Der Einsteinspruch entstammte der Humaine-Unterseite zum Thema "Ausbildung" und wurde auf die Helios-Unterseiten nicht übernommen. (dp)(0,3h)
archiviert (tbid435.74): (dp) 22.12.2008 (+0,1h (+flagcounter +emoticon +home.icon +htmlCode-korr.)), 23.2.2009 (+0,1h (+4navi +w3c_LiCh)), 10.3.2009 (+0,4h (archive.org-Recherche + Link-korr.)).)), 23.7.2010(+0,03h(-validome.org+w3c_HTMLch))
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