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Verfasst am 09.03.2005 15:23:45 Uhr
ReMail an meinen Freund Dietrich mit Interessantem zur Namensforschung

Lieber Dietrich,
bezugnehmend auf Deine eMail vom 03.3.2005 und meinen Weblogeintrag vom 04.3.2005 sei Dir für die Mühe der Weiterleitung meiner Anfrage wegen meines vorläufigen Übersetzungsvorschlages des polnischen Satzes

Satz 1.: Słownik prezentuje występowanie nazwisk w Polsce na początku lat 90-tych XX wieku.

Satz 2.: NAME - rozmieszczenie w Polsce na początku lat 90-tych.

und Deinem Freund Waldemar für die Mühe der Feinübersetzung ins Deutsche vielmals gedankt. Du bist doch ein bedeutender Historiker, und da dachte ich, könnte Dich die Historie meiner qualvollen Übersetzungskunst interessieren. Also, was mir der tranexp-Translator da als erstem Übersetzungsvorschlag expertenhaft erbrochen hat (
  • Satz 1.: Wörterbuch präsentierend hintreten Namen zu Polen aus początku lat 90-deren XX Alter.
  • Satz 2.: NAME Gesteck zu Polen aus Post lat 90- deren.
), hat mich doch ganz schön schockiert. Erhalte ich demnächst Post aus Polen mit einem Namensgesteck? Aber, wie ich Dir schon früher g-e-Mail-t habe: besser eine schlechte Übersetzung auf dem Monitor, als gar keine in der Pipeline. Meine Polnischkenntnisse sind nämlich fast gleich 0,0... . Der schlimmste Satzbrocken war für mich, die technisch anmutende Sequenz "lat 90-tych". Der tranexp-Translator schlug "deren" für "tych" vor. "lat 90-deren", mein heiliger Bimbam; dieser Translator nennt sich doch Übersetzungs-Experte. Da hab ich mir dann doch erst einmal das Langenscheidts-Universal-Wörterbuch Polnisch zu Rate gezogen. Dort fand ich im polnischen Teil:
  • "lato" (pol.) = "Sommer" (dts.)
  • "łata" (pol.; mit durchgestrichenem "l") = "Flicken" (dts.; ohne durchgestrichenes "l")
Also schloss ich zunächst mal den oder die "Flicken" aus, da es sich um eine genealogische Übersicht handelte, die irgend etwas mit der Zeit zu tun hat. Dazu passte Sommer als Zeitbegriff besser. Also "Sommer 90-deren": wenn ich den Satz 1, der in dem Textteil der polnischen Genealogieseite steht, mal außer Betracht lasse, dachte ich an den Sommer im Jahre 1890 oder 1990. Denn bei den Franzosen, deren entsprechende genealogische Webseiten ich gerade durchforste, werden die Übersichten von 1891 bis 1990 publiziert. Da viele Polnisch-Unkundige das Getextete aus Desinteresse übergehen (werden), werden sie mit dem Satz 2 konfrontiert, der auf der Polenkarte als Überschrift aufgedruckt ist. Der Erfinder dieser Bildüberschrift hat wohl nicht geahnt, dass es Leute gibt, die nicht gerne über die Jahrhundertfrage grübeln.
Also musste ich noch im deutschen Teil des Polnisch-Wörterbuches nachschauen. Dort fand ich:
  • "Jahr" (dts.) = "rok" (pol.)
  • "Jahre" (dts.) = "lata" (pol.)
Also "Jahre 90 deren" klang schon ganz gut. Da habe wir nun 6 Möglichkeiten der Kombinatorik (zur Übersichtlichkeit wurden die Worte durch Ziffern ersetzt):
  • 1.: "Jahre 90 deren" -1- -2- -3-
  • 2.: "Jahre deren 90" -1- -3- -2-
  • 3.: "deren Jahre 90" -3- -1- -2-
  • 4.: "deren 90 Jahre" -3- -2- -1-
  • 5.: "90 Jahre deren" -2- -1- -3-
  • 6.: "90 deren Jahre" -2- -3- -1-
Jetzt will ich mich da nicht weiter vertiefen, wie man diese Sequenzen auch im Hinblick auf den davor und danach befindlichen Satzteil in richtiges Deutsch übersetzen müsste. Aber Du siehst, Sprache hat auch etwas mit Mathematik zu tun. Also müssten doch Frauen, die angeblich soviel sprachbegabter wie Männer seien, gerade auf dem Mathematik-Spezialgebiet der Kombinatorik ganz gut sein? Vielleicht liegt der Unterschied in der Vorgehensweise: wir Männer sitzen vor dem Rätsel und sagen einfach "das verstehen wir nicht" und sind fertig; jedoch die viel kommunikativeren Frauen fragen zurück, "meinst Du dies" oder "meinst Du das" oder "meinst Du das ganz anders" und zwinkern mit den Augen?

Da hab ich nun einfach mal à la Pilawa-Fernsehsendung (ARD) geraten: entweder ist der "Zeitraum von 90 Jahren" (A) oder ist "90er Jahre" (B) gemeint. Da Du in einer früheren eMail zu einem ähnlichen Thema etwas ungenau mit Deiner Antwort zu Möglichkeit A warst, könnte ich Dir auch mal Möglichkeit B vorschlagen. Ich freue mich, dass Waldemar das als richtig bestätigen konnte.
Nun frage ich mich, warum findet denn Langenscheidt es nicht wichtig, im polnischen Wörterbuchteil neben "lato" (pol.) = "Sommer" (dts.) auch "lata" (pol.) = "Jahre" (dts.) mit aufzuführen. Dort steht ja erstens auch "w lecie" (pol.) = "im Sommer" (dts.) und zweitens im deutschen Wörterbuchteil "Leute" (dts.) pl. = "ludzie" (pol.). Also bei 215 Druckseiten im polnischen Teil ist auf der letzten Seite noch rund 28% unbedrucktes Papier. Daher kann es kein Platzmangel gewesen sein. Wahrscheinlich waren es ästethische oder finanzielle Gründe, d.h. entweder hat der Lektor gesagt, es sieht schöner aus, wenn wir 28% frei lassen, oder aber der Controler hat es nicht bewilligt, wegen dieser unbedruckten 28% von Papierseite noch eine neue Packung Druckerfarbe anzubrechen. Das werden wir wohl nie erfahren, meint Dein Freund Detlef.
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